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Die Zeit 22/2003
Brandenburger Reifeprüfung
Mit einem Sensorhandschuh lässt sich die Qualität von Früchten durch einfaches Berühren messen. Davon könnten Obstbauern ebenso wie Supermarkt-Kunden profitieren
Von Annette Leßmöllmann
Die brutalen Zeiten im Obstbau sind vorbei. Äpfel, Birnen oder Pfirsiche müssen es sich bald nicht mehr gefallen lassen, dass man ihnen einen Druckmesser ins Fruchtfleisch rammt, um ihre Reife zu prüfen. Dieser so genannte Penetrometer misst bislang den Widerstand der süßen Substanz und bestimmt so den Reifegrad. Passé sind wohl auch die Zeiten, in denen man die Früchte, um ihren Zuckergehalt zu bestimmen, aufschnitt, mit Jodkalium beträufelte und dann wegwarf.
"Nichtinvasive Methoden" sollen künftig in der Qualitätskontrolle eingesetzt werden - zumindest wenn es nach dem Willen von Martin Geyer geht, der am Leibniz-Institut für Agrartechnik in Potsdam-Bornim die Abteilung Technik im Gartenbau leitet. Die Agrartechniker im Obstbauland Brandenburg haben in ihren Werkstätten eine besonders zartfühlende Untersuchungsmethode für Früchte erdacht: den Bornimer Sensorhandschuh. Damit ausgestattet, soll der Landwirt künftig auf seine Obstplantage stapfen, den behandschuhten Arm nach Apfel oder Pfirsich ausstrecken und die Frucht ein paar Sekunden sanft zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger halten - und schon wird er wissen, ob die Früchtchen erntereif sind.
Dabei bleiben die Gewächse heil und ungepflückt. Der Obstbauer kann also ohne Verlust beliebig viele Stichproben nehmen. "Auf diese Weise können wir die Entwicklung einer bestimmten Frucht am Baum verfolgen", sagt Bernd Herold, der den Handschuh mitentwickelt hat. Die Erfindung, für die derzeit Partner in der Industrie gesucht werden, wäre mithin nicht nur ein Gewinn für den Bauern, sondern auch für die Fruchtforschung. Außerdem soll der Sensorhandschuh genauere Messergebnisse liefern als die althergebrachten Methoden. Denn "gerichtsfeste Beurteilungen" sind gefragt im Obst- und Gartenbau. Gerade bei klimakterischen Früchten - die also noch nach der Ernte reifen - ist der Pflückzeitpunkt im Verhältnis zur Lagerdauer entscheidend. Der Verbraucher verlangt nach dem richtigen "Mundgefühl" beim Obst, die Festigkeit und damit das Bruchverhalten müssen stimmen. Und natürlich auch die Süße.
All dies soll sich den Früchten auf sanfte Art entlocken lassen. Der Bornimer Ingenieur Ingo Truppel zeigt, wie es geht: Er streift sich einen weißen Laborhandschuh über, auf dem allerlei Sensorik sitzt, und schultert einen Rucksack, der durch Kabel mit dem Handschuh verbunden ist. In ihm ist die zugehörige Messtechnik versteckt. Die dabei ermittelten Daten werden per Funk an einen Rechner geschickt, der sie auswertet. Die eigentliche Messung besteht darin, Schall durch das Obst zu schicken - just so, als würde ein Trommler mit Holzstöckchen eine Kollektion unterschiedlich reifer Äpfel traktieren. Ein dumpfes Plopp heißt "weich und reif", ein heller, schwingender Ton dagegen "fest und unreif".
Das System, das den Trommler simuliert und sich die Toneffekte zunutze macht, hat eine belgische Firma gebaut. Ein Hämmerchen schlägt die Frucht an, und ein Mikrofon auf der anderen Seite nimmt den Schall ab. Dann folgt eine automatische Frequenzanalyse: Je länger die Wellen, desto reifer der Apfel. Damit lässt sich der Reifegrad exakt bestimmen.
Damit die Methode auch vor Ort eingesetzt werden kann, wurde in Potsdam das Hämmerchen mit dem Datenhandschuh kombiniert. Das sensorische Kleidungsstück soll allerdings noch mehr können, wenn es tatsächlich zur Marktreife gelangt. Denn die Bornimer Forscher hatten die Idee, nicht nur Schall, sondern auch Licht durch die Früchte zu schicken und so weitere Informationen zu sammeln.
Daher sendet ein Lichtleiter an einem Finger des Handschuhs nun Licht in den Fruchtkörper, und ein zweiter fängt auf, was auf der anderen Seite herauskommt. Wenn die Frucht viele grüne Pigmente hat, werden die entsprechenden Wellenlängen absorbiert. Das bedeutet: Das Äpfelchen ist zu grün und darf noch am Baum bleiben. Auch der Zuckergehalt lässt sich mithilfe von Licht messen, denn Infrarotwellen bringen die Zuckermoleküle zum Schwingen. Enthält die Frucht viel Zucker, wird entsprechend mehr Licht reflektiert. Auf diese Weise kann der Landwirt also bei Befühlen seiner Früchte die Süße messen.
Ob der Handschuh allerdings auch bei den Praktikern Anklang findet, muss sich erst noch zeigen. Generell sind die Bauern der Sensortechnik nicht abgeneigt. So gibt es zum Beispiel an einer anderen Bornimer Entwicklung durchaus Interesse: so genannte künstliche Nasen, die im Brandschutz und für Schadstofferkennung schon im Einsatz sind, sollen in Zukunft auch in Lagerräumen und Lkw Fäulnisprozesse und Fremdstoffe aller Art viel besser erschnüffeln, als es menschliche Nasen je könnten.
Für ihre Sensoren erhoffen sich Martin Geyer und seine Gruppe ebenfalls noch große Marktchancen. Denn wie in japanischen Supermärkten könnten bei uns die Obstfreunde den Zuckergehalt mit einem Prüfgerät direkt am Stand messen. Und warum nicht die Früchte mal nach Reife und Süße sortieren? Hierzulande werde noch viel zu sehr nach Preis gekauft statt nach Geschmack, kritisiert Geyer. Das müsse nicht sein. An der Sensortechnik soll es jedenfalls nicht liegen.
(c) DIE ZEIT 22/2003
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