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GEO 12/2003

Augenschmaus: aus Mausgrau wird UV

Um im Dunkeln ihre Nahrung erkennen zu können, haben Blumenfledermäuse eine einzigartige Fähigkeit entwickelt Mit umgebauten Schwarzweiß-Rezeptoren nehmen sie auch ultraviolettes Licht wahr.

Von Annette Leßmöllmann

Wenn es Nacht wird im Regenwald von Mittel- und Südamerika, öffnen sich die Blüten der Bromelien und locken spezielle Gäste an: Blumenfledermäuse, die den Nektar schlecken und sich dabei ihren Pelz mit Pollen betupfen. Wie Kolibris flattern sie von Blüte zu Blute und bestäuben sie dabei.

Blume und Flattertier sind perfekt aneinander angepasst: Die Blüte steht frei, sodass die Fledermaus trotz ihrer Flügelspannweite leicht an den süßen Saft gelangt. Größe und Form der Pflanze sind so abgestimmt, dass der Pollen gezielt auf Kopf oder Brust der Fledermaus landet. Und die Bromelie öffnet ihre Blütenpracht nur dem nachtaktiven Tier - Tagarbeiter wie Bienen oder Kolibris müssen leider draußen bleiben.

Doch bislang war nicht klar, wie die Blütensucher ihre Nektarlieferanten so zuverlässig finden. Die für Fledermäuse typische Echo-Ortung erscheint für diese Aufgabe ungeeignet, und der ebenfalls vorhandene Sehsinn galt bislang als unterentwickelt. Die Tiere, so die Lehrmeinung, seien farbenblind und könnten lediglich hell und dunkel unterscheiden.

Womit locken die Pflanzen also den nächtlichen Besucher an? Des Rätsels Lösung: Die Blumenfledermaus Glossophaga soricina kann UV-Licht sehen. Das kalte Licht der Nacht ist verhältnismäßig reich an UV - und genau dieser kurzwellige Spektralbereich wird von den bevorzugten Blüten reflektiert. Den besonderen Sehsinn der Tiere hat ein Team um den Zoologen York Winter von der Universität München mit einem Experiment nachgewiesen, bei dem die Fledermäuse zwischen verschiedenen künstlichen Blüten wählen konnten. Die mit Zuckerwasser gefüllten Blüten leuchten dabei mit Licht unterschiedlicher Wellenlänge. Ergebnis: Die Tiere erkannten das UV-Licht der aufgestellten Blumenattrappen als lohnendes Anflugsziel.

UV-Sichtigkeit ist sehr selten unter höheren Säugetieren. Vermutlich ist dies eine Folge der Dinosaurier-Evolution: Sie machten sich tagsüber so breit, dass sich die Säugetierentwicklung in die Nacht verlagerte. Die Folge: Die Säuger verloren einige der Zapfen auf ihrer Netzhaut, die für das Farbensehen zuständig sind, und insbesondere für das UV-Sehen.

Die Fledermäuse büßten so gar alle der ursprünglich vier Zapfentype ein. Doch allzu sehr lockten wohl die Nektarpfründe im Regenwald. Also entwickelten die kleinen Flieger eine Spezialität Sie benutzen die Sehzellenart, die eigentlich dem Hell-dunkel-Sehen dient, für die Aufnahme der UV -Strahlen, Dieser Mechanismus ist bislang noch bei keinem Säuger nachgewiesen worden. "Möglicherweise", so York Winter, "nutzen ihn auch andere Fledermausarten - und andere Säugetiere."

(c) GEO 12/2003

 

(c) Annette Leßmöllmann