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Die Zeit 6/2003

Im Chor der Gehörlosen

Die Linguistin Helen Leuninger erforscht Gebärdensprache und kämpft für deren Anerkennung als eigene Sprache

Von Annette Leßmöllmann

Der Name "Helen Leuninger" in Gebärdensprache? Daniela Happ, die wissenschaftliche Mitarbeiterin, wirft ihrer Chefin einen schelmischen Blick zu. Sie bringt den rechten Arm in Stellung und macht die Gebärde vor: Mittel- und Zeigefinger ausgestreckt, den Handrücken oben, ein waagrechtes "Victory" . Dann folgt eine energische Drehung, nun ist die Handfläche oben. "Veränderung" heißt das.

"Veränderung ist mein Ehrenname hier", sagt die Professorin am Institut für Deutsche Sprache und Literatur in Frankfurt. Helen Leuninger hat diesen Namen von den Gehörlosen verliehen bekommen. Doch das große Wort "Ehrenname" schwächt sie gleich wieder ab. "Wer etwas länger mit Geh örlosen zu tun hat, bekommt automatisch so einen Namen", sagt sie. Gehörlose würden ihr Gegenüber nämlich ganz genau anschauen. Da habe man schnell so ein Ehrenattribut weg.

Aber Daniela Happ schaut skeptisch. Sie zieht den Kopf zwischen die Schultern; ihr Blick will sagen: Nun mal nicht so bescheiden, Frau Professorin. Immerhin hat Leuninger große Veränderungen bewirkt, in einer Szene, der 80000 Menschen angehören, die von Geburt an gehörlos sind, und vermutlich zwei Millionen Spätertaubte, die im Laufe ihrer Kindheit oder später das Gehör verloren haben.

Helen Leuninger ist eine der wenigen Hörenden, die sich in die stumme Welt dieser Menschen vorwagt, die dort akzeptiert wird und als Übersetzerin in die laute Welt fungiert. Das Interesse der Linguistin ist dabei nicht nur beruflicher Natur: Die engagierte Wissenschaftlerin -"ohne Engagement ist die Universität doch langweilig" - kämpft seit zehn Jahren für die Gebärdensprache. Sie soll als eigenständiges Kommunikationsmittel - und nicht nur als Ersatzsprache - anerkannt werden. Als sich Mitte der neunziger Jahre die Grünen für diese Forderung stark machten, startete die Professorin eine Unterschriftenaktion an deutschen Universitäten, verfasste Gutachten und war bei Landtagsanhörungen dabei. Als erstes Bundesland erkannte Hessen 1998 die Gebärdensprache offiziell an - alle Fraktionen stimmten zu. "Der Kampf hat sich gelohnt", sagt Leuninger, "ist aber noch lange nicht zu Ende."

Nun müssen die konkreten Konsequenzen aus der Anerkennung gezogen werden: Ausbildung für Gebärdensprachdolmetscher zum Beispiel. Oder in Gehörlosenschulen Unterricht in Gebärdensprache. "Die meisten Gehörlosenlehrer können die Sprache gar nicht", weiß Leuninger. Zu fest sitze in den Köpfen das Vorurteil, dass eigentlich nur die von Geburt an Gehörlosen die Gebärdensprache brauchten, die Spätertaubten aber die Lautsprache nutzen sollten, wie schlecht auch immer.

Daniela Happ weiß, was es heißt, ohne Gehör zu leben, nachdem man es einmal besessen hat: Es bedeutet auch, die Sprache zu verlieren, Plötzlich stammelt man unverständliches Zeug, denn wer selbst nicht mehr hören kann, was aus dem eigenen Mund kommt, verliert die Kontrolle über seine Worte. Beim Metzger 100 Gramm Wurst zu verlangen erweist sich als schier unüberwindliche Herausforderung. Viele missverstehen im ersten Moment das unverständliche Wortgebrabbel - "Oh, do you speak English?" Das Gefühl für Lippe und Zunge entgleitet einem, unwillkürlich verschickt man Zisch- und Röchellaute. Für die Hörenden klingt das nach Behinderung.

Wenn sie solche Biografien hört, leidet HelenLeuninger fasziniert mit. Als ihre gehörlose Mitarbeiterin erzählt, kriecht sie förmlich in deren Gebärden hinein. Sie lehnt sich beim "Voicen" , beim Simultanübersetzen in Lautsprache, weit über den Tisch, der Gebärdenden entgegen. "Diese Sprache ist für mich wie Musik", sagt sie. "Lustig, gell? Die Mitarbeiterin erzählt, die Professorin übersetzt."

Besonders bei Vorträgen vor Honoratioren aus Politik und Wissenschaft liebt sie es, mit dieser Rollenverteilung die üblichen Hierarchien zu torpedieren. Mitgefühl für die Entrechteten und Eintreten für die gerechte Sache, das hat sie aus ihrem christlich und gewerkschaftlich engagierten Elternhaus. "Protest, das bin ich", sagt sie. Doch Dogmatismus ist ihr fremd. Eine Geste mag sie gar nicht: den erhobenen Zeigefinger, "wie bei Brecht, igitt". Dennoch geht sie auf die Barrikaden gegen das Dogma der Lautsprache, das von den Gehö rlosen verlangt, die Lautsprache zu erlernen und zu imitieren, so gut es eben geht, und sich zu integrieren - statt sich durch eine eigene Sprache zu isolieren.

Da Vinci signierte in Handzeichen

Für Helen Leuninger ist das ein Irrweg. Er habe zur Folge, dass viele Gehörlose keine Sprache richtig beherrschen. Von den Lippen lesen sei ein klaglicher Ersatz für das wirkliche Verstehen einer Sprache; Laute wie p und b beispielsweise sind dabei nicht zu unterscheiden. Und wie soll jemand, der gar nicht weiß, was eine Sprache ist, die kargen Mundzeichen verstehen?

Gebärdensprache ist eine eigene Sprache, sie hat einen Wortschatz und eine Grammatik und damit Regeln, wie aus einzelnen Wörtern komplexe Sätze zu bilden sind. Subjekt und Prädikat kommen schon mal in umgekehrter Reihenfolge daher. "Der Vogel sitzt auf dem Baum" heißt es in Lautsprache -"Baum, Vogel, sitzt auf" ist die Reihenfolge, wenn Hände deutsch sprechen. Wie jedes Lautidiom hat auch die Gebärdensprache im Lauf von Jahrhunderten die eigene Geschichte und einen eigenen Stil erhalten.

Die englische und amerikanische Gebärdensprache beispielsweise haben so gut wie nichts miteinander zu tun, obwohl die entsprechenden Lautsprachen eng verwandt sind. Der Grund: Die amerikanische Gebärdensprache stammt von der französischen ab. Hinweise darauf, wie alt die Sprache ist, finden sich auf Gemälden: "Schauen Sie sich die Alten Meister an! Die Bilder da Vincis: voller Gebärden!" Der Universalgelehrte habe seinen Schülern empfohlen, die ausdrucksstarke Mimik und die Gebärden der Gehörlosen zu studieren. Und auf seiner Felsgrottenmadonna, die im Pariser Louvre hängt, hat er die Buchstaben L, D und V als Handformen untergebracht - der Künstler signierte in Gebärdensprache. Auch "Jesus" oder den Anfangsbuchstaben von Maria hat er so auf die Leinwand gebracht.

Leuninger liebt diese Sprache: Das Zeichen für "lieben" , ein angedeutetes Streicheln erst über die Brust und dann zum Gegenüber hin, ein entlehntes "je t'aime" aus der französischen Gebärdensprache, führt sie ebenso zart und vorsichtig aus wie alle anderen Zeichen - als formten ihre Hände einen besonders empfindlichen Stoff. Und als müsse sie demütig mit diesem Kommunikationsmittel umgehen. Ihr, der Hörenden, ist diese Sprache schließlich nur geliehen.

Erstmals in Kontakt kam sie damit in der Kirche. Als ihr Vater vor über zehn Jahren starb, suchte die gläubige Katholikin dort Beistand - und erfuhr davon, dass ein Pfarrer auch Seelsorge speziell für Gehörlose anbot. "Dass sich Linguisten mit Gebärdensprache beschäftigen, ist nichts Besonderes", sagt Helen Leuninger. Aber dass dahinter auch eine Gemeinschaft der Sprachlosen mit besonderen Nöten steckt - das erfuhr sie erst in der Kirche.

Auch Hände können stolpern

Anfänglich begegneten ihr die Gehörlosen mit Skepsis. "Ich verstehe das", sagt die Professorin. Zu viele Hörende hatten schon im Namen der Gehörlosen gesprochen und dabei nicht deren Interessen vertreten. Ihr Dilemma ist der Mangel an sprachlichen Mitteln, um sich für ihre Rechte einzusetzen; etwa dafür, dass auf Konferenzen kompetente Dolmetscher zur Verfügung stehen, die mehr können als nur das Basisrepertoire.

"Sprache" - Daniela Happ klimpert mit den Fingern. Dann folgt das Zeichen für: "bedeutet". Nach einer kurzen Pause zeigt sie "Selbstbewusstsein". Dazu gehört, dass eine Gehörlose wie Happ eine Dissertation an der Universität schreiben kann - eine Seltenheit in Deutschland. Mit Selbstbewusstsein meint Happ aber auch die Selbstverständlichkeit, von einer Hörenden zu verlangen, dass diese erst die Gebärdensprache lernen soll, bevor sie sich einmischen darf

Sie paukte als Lehrmeisterin mit ihrer Professorin. Dabei lernte Leuninger nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur der Nichthörenden kennen. Diese kommt ihr oft viel lebendiger vor als die der Hörenden. "Es ist nicht still, wenn Gehörlose sich unterhalten", sagt sie, "es ist laut. Laut im Sinn von lebhaft!" Auf einem Fest herumstehen und sich anschweigen, wie es bei Hörenden schon einmal passiert, das gibt es hier nicht. Wer sich von einer Gehörlosenparty verabschiedet, braucht dafür zwei Stunden. Weil er sich mit jedem noch einmal intensiv unterhält, bevor er geht.

Auch im Gehörlosenchor macht sie mit. Die "Stimmen" in diesem Chor sind verschieden ausdrucksstarke Gebärden. Der "Gesang" ist ein Gestenkonzert, ein Augenschmaus, eine Symphonie für den visuellen Sinn, der besonders gefordert ist, wenn man sich mit Gebärdenden unterhält. Gehörlosenchöre und -theater dienen auch dazu, Hörende für diese Kultur zu interessieren.

Doch bei allem Engagement betreibt die Linguistin Grundlagenforschung. Ihr Steckenpferd sind Versprecher. Sie holen ans Licht, nach welchen Regeln das Gehirn die Sprache auf die Zunge bringt. Versprecher geschehen nicht wild und regellos, sondern sie folgen bestimmten Strukturen. Typisch etwa ist die Vorwegnahme. In "Belamtenbeleidigung" taucht das "bel-" aus dem zweiten Teil des Wortes im ersten Teil auf - das Gehirn hat schon vorausgeplant. Über solche Versprecher hat Leuninger vergnügliche Bücher zusammengestellt, sie heißen Danke und Tschüss fürs Mitnehmen oder Reden ist Schweigen, Silber ist Gold. Diese Lapsus kommen ihrem komischen Talent zupass: "Die h-Mess-Molle ... pardon, die h-Moss-Melle ... Entschuldigung, die h-Moll-Messe von Johann Sebaldrian Bach" - solche Versprecher aus ihrer Sammlung rezitiert Leuninger todernst und pointensicher zum Amüsement des Publikums.

Ähnlich wie bei der h-Mess-Molle - einem laut Leuningers Klassifikation typischen "Virus", also einem Fehler, den man, einmal gefangen, über den ganzen Satz nicht mehr loswird - schleppen auch Gebärdende Fehler mit: Wählen sie beim ersten Wort eine falsche Handform, kommen sie im Laufe des Satzes immer wieder auf diese falsche Fingerstellung zurück. Sogar die "Belamtenbeleidigung" für Nichthörende hat sie ausgemacht: Handformen, die erst spät im Satz auftauchen sollten, mischen sich schon am Anfang ein.

Wenn sich aber die Prinzipien des Ver-Sprechens und des Ver-Gebärdens entsprechen, so lautet Leuningers Hypothese, werden auch Laut- und Gebärdensprache im Gehirn auf die gleiche Weise verarbeitet. Eine nicht unumstrittene Annahme. Immerhin sind bei der Gebärdensprache andere Sinne und Muskelpartien beteiligt. Sehen statt hören. Und: Statt Lunge, Hals, Kiefer, Zunge, Lippen dirigiert das Sprechzentrum ihrer Mitarbeiterin Daniela Happ Arme und Hände - und verwandelt deren Augenpartie in einen Ereignispark.

"Gebärden tragen alles nach außen", sagt Helen Leuninger, die nun - analog zu ihrer Versprechersammlung - auch Vergebärdler zusammenträgt. Bei Versprechern bleiben viele Fehlplanungen des Sprachmoduls in der Mundhöhle verborgen und kommen so gar nicht erst ans Licht. Aber die Gebärdensprache mache alles öffendich, sagt die Linguistin. Dadurch seien Vergebärdler ein "wunderbares Forschungsmaterial".

Helen Leuninger ist eine der wenigen Hörenden, die die stumme Welt der Gehörlosen von innen kennt. Die 57-jährige Professorin für Sprachwissenschaft erforscht an der Universität Frankfurt am Main die Struktur von Versprechern sowie von "Vergebärdlern". Außerdem hat sie sich (unter anderem) dafür eingesetzt, dass Hessen als erstes Bundesland die Gebärdensprache seit 1998 offiziell anerkennt. Ihr Engagement stößt allerdings auch auf Widerstand - nicht zuletzt von Gehörlosenschulen.

(c) Die Zeit 6/2003

 

(c) Annette Leßmöllmann