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Radiobeitrag für logo, NDR Info, 7.2.2003, 21.05

Sounddesign für die Sinne

Warum entscheidet sich ein Mensch für ein bestimmtes Auto? Weil es ihm gefällt. Gefallen und Wohlfühlen werden nach Meinung der Autohersteller in Zukunft die wichtigsten Kriterien beim Autokauf sein. Wichtiger als ausgeklügelte Sicherheitstechnik oder schnellere Motoren. Zum Wohlfühlen gehört vor allem der richtige Autosound.

Von Annette Leßmöllmann

Anmoderation:
Sounddesign gibt es schon fast so lange, wie es Autos gibt. Ein Roadster soll röhren wie ein Hirsch, eine Limousine sanft und wohlig brummen, und ein Vierzylinder sollte so satt klingen, als hätte er noch zwei Zylinder mehr unter der Haube - daran drehen Psychophysiker schon lange und befragen Versuchspersonen nach ihren Wünschen.
Neu ist: Psychologen und Mediziner sollen herausfinden, warum sich Menschen bei bestimmten Geräuschen wohler fühlen als bei anderen. In Zukunft wird die Klangqualität oder, allgemein, das Wohlfühlen - also neben dem guten Sound auch weiche, schmeichelnde Sitze, gediegener Ledergeruch etc. – das wichtigste Kriterium beim Autokauf, schätzen die Hersteller. Während in den 80ern noch Technik zählte und man mit ausgeklügelten Sicherheitssystemen, Bremstechnik etc. punkten konnte, zählt jetzt: Glanz, Duft und ein gutes Anlassergeräusch. Große Automarken geben Millionen für diese Forschung aus. Annette Leßmöllmann hat im Akustiklabor der BMW AG einen Blick in die Sounddesign-Forschung der Zukunft geworfen.

Beitrag:

O-Ton: Fensterheber, schlecht
jammerndes, wimmerndes Fensterhebergeräusch

So hört sich ein Fensterheber an, wenn ihn kein Sounddesigner bearbeitet hat. Wimmernd und jaulend quält sich die Scheibe nach oben, und der Fahrgast fragt sich ängstlich, wie lange der Elektromotor das wohl noch mitmacht. Das Wimmern muss zwar gar nichts damit zu tun haben, dass der Fensterheber bald kaputtgehen wird - das eiernde Geräusch kann einfach nur an der Bauart liegen. Aber Kunden schließen von einem unangenehmen Geräusch auf minderwertige Qualität. Daher kümmern sich Sounddesigner darum, dass insbesondere bei teuren Wagen alles, was das Fahrzeug von sich gibt, solide, sicher und zuverlässig klingt. Das fängt bei der Autotür an.

O-Ton: Autotür, gut
Autotür fällt satt ins Schloss, zweimal

Der Sounddesigner Gerhard Thoma sorgt bei der BMW AG in München seit 16 Jahren dafür, dass Fahrer das richtige Soundgefühl bekommen. Er findet: Schon beim Türenschließen soll der Fahrgast den Eindruck haben: Hier bin ich sicher wie in einer Burg.

O-Ton: Dr. G. Thoma
Sie haben so ein bissl das Gefühl, Sie machen einen Safe zu. Und jetzt schließen Sie auf die restliche Stabilität der Karosserie und sagen, Mensch, da kann mir gar nichts passieren, wenn ich einen Crash habe, die ist stabil, die Karosserie, und halten tut die auch ewig, die hat wahnsinnig dickes Blech, bis das mal durchgerostet ist...

Dabei ist eine BMW-Tür aus dem gleichen Blech wie die Tür eines Kleinwagens, aber: mit Dämmmaterialien und sonstigen psychoakustischen Tüfteleien wird das Safegefühl erzeugt. Und das kostet natürlich mehr. Teure Karossen wie der neue 7er BMW haben 148 Elektromotoren, die alle akustisch designt sind. So auch der Fensterheber, der sich - nachdem Thoma ihn verbessert hat - so anhört:

O-Ton: Fensterheber, gut
Fensterhebergeräusch ohne Wimmern

Inzwischen sind die Psychoakustiker in der Lage, fast alle Geräusche zu optimieren. Die Techniker haben in Sachen Sound ihre Hausaufgaben gemacht. Können die Akustikabteilungen deswegen schließen? Im Gegenteil - jetzt erst recht investiert BMW in das Sounddesign der Zukunft. Im nächsten Jahrzehnt wollen die Psychoakustiker nicht mehr nur erforschen, welche Geräusche den Menschen besser gefallen als andere. Sondern sie wollen auch wissen, warum sie ihnen besser gefallen. Die technische Seite des Sounddesigns rückt in den Hintergrund; stattdessen soll nun der Mensch und das, was er bei bestimmten Geräuschen fühlt, viel genauer als zuvor vermessen werden.

O-Ton: Dr. G. Thoma
Uns schwebt vor, dass wir völlig neue Kenngrößen definieren, die das akustische Wohlbefinden des Fahrers im Fahrzeug beschreiben. Die Leute können es im Endeffekt nicht definieren, warum sie in dem einen Fahrzeug lieber fahren als in dem anderen, warum sie das eine dem andere akustisch bevorzugen. Das genau zu ergründen, woran das liegt, das wird so die Akustik Ende unseres Jahrzehnts sein.

Um diese Vision umzusetzen, werden die Physiker und Ingenieure im Akustiklabor von BMW aber sofort mit Medizinern und Psychologen zusammenarbeiten. Und auch die Konkurrenz hat den Trend erkannt: DaimlerChrysler hat kürzlich in Berlin für viel Geld ein ganzes Forschungszentrum installiert, in dem nur eines auf dem Prüfstand steht: Das Seelenleben des Automobilisten. 16 Psychologen und Ingenieure untersuchen hier, was den sensiblen Mercedes-Fahrer in seiner Fahrfreude stören könnte - nicht nur der falsche Motorton, sondern auch Lichtreflexe auf der Windschutzscheibe oder kratzige Sitzbezüge. Alle fünf Sinne werden hier untersucht.

Denn vorbei die Zeiten, als man sich noch mit technischen Neuerungen wie ABS oder Seitenaufprallschutz von der Konkurrenz abheben konnte - technisch gesehen gleichen sich die Autos immer mehr. Und: Viele Neuerungen sind tief in der Elektronik verborgen - kaum ein Käufer kennt sich da noch aus. Deswegen glauben die Hersteller, dass der Kunde der Zukunft sein Auto nur noch aus einem einzigen Grund kauft: Weil es ihm gefällt.

Und warum ihm das eine besser gefällt als das andere – daran wird jetzt fieberhaft geforscht. Für BMW lautet die Losung: Die totale Emotionalisierung des Produkts.

O-Ton: Dr. G. Thoma
Sie müssen eine in sich stimmende ästhetische Einheit anbieten. Der Kunde sieht das Fahrzeug - was kann er tun? Er kann schauen, die Form gefällt mir, der Lack hat schönen Lüster, die Polster sind schön, hat schön gerafftes Leder, das können Sie als Kunde feststellen. Sie können die Haptik feststellen, die Leute klopfen dann immer mit der Hand hin. Die Leute prüfen die Haptik und schließen von der Haptik auf das restliche Fahrzeug. Dann machen Sie eine kurze Probefahrt und hören auf die Laufruhe des Motors. Und das vierte, was Sie noch machen können, ist die Olfaktorik: Sie riechen, ob es nach Leder riecht oder nach billigem Plastik.

Um den Emotionen der Kunden auf die Spur zu kommen, hat BMW jetzt einen Simulator gebaut. Im Versuchslabor ruht auf hohen Stelzen eine Art halbes Auto, mit Schnauze und Platz für Fahrer und Beifahrer, dahinter ist es abgeschnitten.

Drinnen im Simulator empfängt den Probanden ein typisches Auto-Innenleben der Luxusklasse. Vor der Windschutzscheibe wird per Film eine Teststrecke abgespielt. Wer drinsitzt, hat ein perfektes Auto-Fahrgefühl. In diesem Simulator lässt sich nach Wunsch jedes Auto simulieren - auch die Fahrzeuge der Konkurrenz, die natürlich hier auch geprüft werden.

O-Ton: Dr. G. Thoma
Das ist also ein Fahrzeug, wie man es bei vielen Simulatoren auf dem Jahrmarkt findet. Es ist auf diesem hydraulischen Pfosten aufgestellt, und das kann jetzt alle Fahrsituationen simulieren. Und während Sie fahren, können wir Ihnen ins Fahrzeug sowohl die Vibrationen der Straße als auch alle möglichen Sounds einspielen. Und jetzt haben Sie die Möglichkeit, das Gefühl, was Sie im Fahrzeug haben, direkt auszudrücken.

Die Probanden sollen auf diese Weise möglichst natürlich beurteilen, was ihnen gefällt und was nicht. Der Vorteil gegenüber Untersuchungen im freien Feld, also in einem echten Auto auf der Straße: Alle Sounds können kontrolliert eingespielt werden, der Versuchsleiter entscheidet also zum Beispiel, wann der Straßenbelag sich ändert.

Noch ist der Simulator in der Testphase, und noch müssen die Probanden wie gehabt die Autogeräusche über den Kopfhörer testen.

Das, was ihnen gefällt, wissen viele Versuchspersonen allerdings auch ohne den Simulator auf Stelzen. Von der folgenden Stimme für das Navigationssystem hat Gerhard Thoma abgeraten - das erinnere die Leute zu sehr an eine strenge Mutter. Und die habe niemand gerne als Mitfahrerin.

O-Ton: weibliche Stimme Navigationssystem (Befehlston)
An der nächsten Kreuzung rechts abzweigen, Richtung Autobahn!
(kurze Pause)
Sie haben den Abzweig verpasst! Wenn möglich, bitte wenden!

(c) NDR 2003

 

(c) Annette Leßmöllmann