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Radiobeitrag für logo, NDR Info, 10.1.2003, 21.05

Der Gesellschaftskritiker Joseph Weizenbaum wird 80 Jahre alt.

Ein Porträt

Von Annette Leßmöllmann

Anmoderation:
Die Informatiker der Universität Hamburg werden nächste Woche die Ehrendoktorwürde an Joseph Weizenbaum verleihen - und damit an einen Forscher, der wie kaum ein anderer davor gewarnt hat, dass Menschen der Technik zu viel Macht einräumen. Für Weizenbaum steht immer der Mensch im Mittelpunkt: Und das menschliche Leben ist anders als der Computer: Es ist nicht logisch. Vor zwei Tagen ist Joseph Weizenbaum 80 Jahre alt geworden. Annette Leßmöllmann hat ihn in seiner Heimatstadt Berlin getroffen.

Beitrag:

Joseph Weizenbaum ist kein Feind der Technik. In seiner Berliner Wohnung steht selbstverständlich ein Computer, seine zahlreichen Termine organisiert er souverän mit Handy und Organizer. Und wenn das Aufnahmegerät eines Journalisten spinnt, dann hilft er gerne mit einem Schweizer Messer aus. Das Spielerische an der Technik hat ihn als jungen Studenten der Mathematik angezogen, damals, in den 50er Jahren, als Universitäten keine Computer kauften, sondern - sie selbst bauten. Weizenbaum baute mit, und das brachte ihm 1963 einen Ruf an eine der einflussreichsten technischen Universitäten der Welt ein, an das Massachusetts Institute of Technology, MIT.

O-Ton: J. Weizenbaum
Und außerdem ist es ja so, MIT ist so etwas wie ein total ausgerüsteter Spielladen für einen Jungen, der mit elektrischen Sachen spielen möchte, Eisenbahnen und so weiter; mit Eisenbahnen habe ich nicht gespielt, aber es war alles da, und wenn was fehlte, wenn man was wollte, dann war es spätestens nächste Woche da, besonders natürlich unter dem Druck der "bösen Russen".

"Die Russen" hatten 1957 mit "Sputnik" den ersten bemannten Flug ins All unternommen. Ein Schock für Amerika. Junge Forscher wie Joseph Weizenbaum verdankten diesem Schock ihre Karriere: Das Militär ließ Forschungsgelder fließen, und ganz selbstverständlich arbeitete man an Projekten, die dem Militär zugute kamen – zum Beispiel am sogenannten ARPA-Netz, dem Vorläufer des heutigen Internet. Dieses Netz sollte den Kommunikationsfluss des Pentagon sichern, auch dann, wenn Amerika einen Atomangriff erlebt.Doch dann kamen die 60er Jahre, die Bürgerrechtsbewegung und der Vietnamkrieg. Plötzlich wurde klar: Weizenbaum musste den Elfenbeinturm verlassen und sich gegen den Krieg und für die unterdrückten Minderheiten einsetzen. Er selbst erklärt diese Kehrtwende psychologisch, mit einem einschneidenden Erlebnis in seiner Heimatstadt Berlin, in der Nazizeit: Joseph musste das Gymnasium verlassen, weil er Jude war. Er, der Sohn eines gutsituierten Kürschnermeisters, ging nun in eine jüdische Knabenschule und traf dort zum ersten Mal Juden, die aus den Shtetln Osteuropas nach Berlin gekommen waren.

O-Ton J. Weizenbaum
Mein Gott, was ich für eine Armut da gesehen habe, mein Gott, waren die arm. Und da treffe ich einen Jungen, und der ist in Fetzen angezogen. Ich habe ihn auch nach Hause gebracht. ein Vater war sehr wütend: "So einen Dreck bringen wir nicht ins Haus." Und da habe ich wirklich den Antisemitismus zum ersten Mal erfahren, den Antisemitismus der assimilierten Juden gegen die nicht-assimilierten. Da habe ich auch angefangen, das Wort Klasse zu verstehen in diesem Sinn. Es hat mich völlig gegriffen.

Familie Weizenbaum musste 1936 in die USA emigrieren, und Joseph schließt sich einer zionistischen Gruppe an. Er wird Amerikaner, tritt im Zweiten Weltkrieg in die Armee ein und beendet nach dem Krieg sein Mathematik-Studium in Detroit. Dort baut er auch an einem der ersten digitalen Computer mit und arbeitet dann mehrere Jahre lang erfolgreich als Informatiker in der Industrie. Alles deutet auf eine brillante Karriere hin. Viele seiner Kollegen sind stolz darauf, sich nicht mit Politik zu beschäftigen. Doch für Weizenbaum gilt das bald nicht mehr. Forscher müssen sich darum kümmern, welche Auswirkungen ihre Forschung hat.

O-Ton J. Weizenbaum
Was wird denn heute an den Universitäten gelehrt? Und da kann ich von MIT sprechen, und unsere Lehre ist so, dass unsere Professoren wunderbare Menschen sind und schöne Kinder haben und jeden Tag an Sachen arbeiten mit dem sicheren Bewusstsein, dass ihre Arbeit in Systemen eingebaut wird, die den Massenmord leichter machen. Was lernen wir da?

MIT, die große Universität, gleichzeitig ein Ort, an dem Waffentechnik entwickelt wird - für Weizenbaum ein unerträglicher Gedanke. Aber er bleibt dort. Weil er hier, wie er sagt, dringender gebraucht wird als anderswo - nämlich als Mahner, der die Studenten dazu anhält, ihrem Gewissen zu folgen.

O-Ton J. Weizenbaum
Da gibt es ein College west of MIT, ein wunderschönes College. Dort lesen sie die großen Bücher und diskutieren, was Aristoteles auch diskutiert hat, und sie werden gebildet, kann man sagen, einfach herrlich. Und da ist manchmal der Traum, in so einem College zu sein. Aber es ist ganz klar, wenn ich dort wäre, dann desperately würde ich wünschen, dass ich in MIT bin: Die brauchen mich nicht dort. Die brauchen mich, wo ich bin.

In die 60er Jahre fällt auch Weizenbaums große Enttäuschung in Sachen Computer. Oder, besser gesagt: Nicht der Computer hat ihn enttäuscht, sondern der Mensch - der dem Computer viel zu viel zutraut. Weizenbaum hatte 1965 das Computerprogramm ELIZA entwickelt, ein Spiel, bei dem der Rechner die Rolle eines Psychotherapeuten übernimmt. Der Spieler tippt seine Sorgen und Nöte ein, und ELIZA schickt Antworten auf den Bildschirm – scheinbar sinnvolle Antworten. Wenn der Spieler zum Beispiel eingibt: "Ich bin die ganze Zeit so depressiv", dann antwortete das Programm: "Es tut mir leid zu hören, dass du depressiv bist". ELIZAs Sätze werden mit ganz einfachen Rechenregeln generiert: Das Programm pickt sich zum Beispiel Stichworte aus dem Text des Benutzers und formt daraus neue Sätze. Wenn der Benutzer darin einen besonderen Sinn sieht, dann nur, weil er selbst ihn dort hineinlegt.

O-Ton J. Weizenbaum
Es ist die Interpretation des Spielers, der die Bedeutung schafft, die ist nicht da drin. ELIZA hängt davon ab, dass der Mensch die Antworten, die ELIZA gibt, dass er sie interpretiert. Das hat mit der Kultur zu tun, in der ein Mensch lebt.

ELIZA machte Weizenbaum weltberühmt: Alle wollten das ELIZA-Spiel spielen. Sogar Hollywood fragte wegen der Filmrechte an. Viele Spieler behaupteten steif und fest, dass ELIZA ein Mensch sei und ihnen aus einer Krise geholfen habe. Psychiater überlegten, ELIZA als Therapie einzusetzen. Weizenbaum war entsetzt, denn er hatte ganz deutlich gesagt: Mit Psychotherapie hat ELIZA nichts zu tun. Seine Erkenntnis daraus: Menschen neigen dazu, dem Computer zu viel zuzutrauen. Sie lassen ihn Entscheidungen treffen und überlassen ihm die Verantwortung - in der Schule, im Militär, an der Börse. Sein Rezept dagegen: Zivilcourage zeigen, den Mund aufmachen und frei denken, in der Forschung genauso wie in der Politik - denn letztendlich hängt alles zusammen.

O-Ton J. Weizenbaum
Denken wir an das Wort "war", Krieg. Krieg ist ein Zustand, in dem sehr viel erlaubt ist, das sonst absolut unerlaubt ist. Wenn der Präsident sagt: "war on terrorism", dann kommt diese ganze baggage mit, man denkt da erst gar nicht dran, und dann stellt es sich raus, wie in Amerika, dass die Zivilrechte der Bürger, die ganz fest in der Verfassung sind, dass die beiseite geschoben werden, ja - es ist Krieg!

Seit seiner Emeritierung 1988 fühlte sich Weizenbaum nicht mehr zu Hause in Amerika. In den 90er Jahren zog er nach Berlin, und seit einigen Monaten wohnt er im Stadtteil Mitte, ganz in der Nähe seines Geburtshauses. Vom seinem Fenster aus sieht er den ehemaligen Palast der Republik und, in der Ferne, blinkt das Dach der Synagoge. Für ihn, den Juden, der nach Deutschland zurückgekehrt ist, in das Land, in dem Juden umgebracht wurden, hat auch diese Rückkehr mindestens zwei Seiten – wie alles im Leben.

O-Ton J. Weizenbaum
Ich habe mir doch, ob ich wollte oder nicht, mir ältere Menschen angesehen und mich gefragt: was haben sie gemacht. Ich kann nicht sagen, dass ich Angst hatte. Aber da war so ein Teppich der Ambiguität: Man konnte alles, wirklich alles von mindestens zwei ganz verschiedenen Seiten sehen.

(c) NDR 2003

 

(c) Annette Leßmöllmann