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ZeitWissen 01/2006
Zum Reden geboren
In seinen Bestsellern erklärt der Kognitionspsychologe Steven Pinker, dass wir unsere Muttersprache per genetisch gesteuertem »Sprachinstinkt« lernen. Und zwar jeder gleich gut - auch wenn diese These Deutschlehrer überraschen dürfte.
Was stört Ihre Gegner an der Annahme, wir hätten einen angeborenen Sprachinstinkt?
Steven Pinker: Viele begehen einen beliebten Denkfehler: Sie glauben, weil etwas angeboren ist, spult es sich maschinell ab, und der Mensch kann nicht mehr eingreifen. Wenn das menschliche Gehirn angeborene Strukturen aufweist, dann könne es nicht lernen. Ich sage genau das Gegenteil: Um überhaupt intelligent lernen zu können, muss das Denksystem sehr komplexe Strukturen mitbringen - dann kann es auf besonders angepasste Weise Informationen von außen aufnehmen.
Wieso ist der Instinkt nicht stark genug, dass Kinder Sprache lernen, indem sie einfach vor dem Fernseher sitzen?
Man riet gehörlosen Eltern von Kindern, die hören können, diese per Fernseher die Lautsprache lernen zu lassen - aber das klappte nicht. Denn um Sprache zu lernen, müssen Kinder nicht nur Sprachlaute hören, sondern auch herausfinden, was der Sprecher mit dem Gesagten meinen könnte. Beim Fernsehen klappt das nicht, weil es nur hypothetische Situationen zeigt, die zu wenig mit der Welt des Kindes zu tun haben.
Das Kind braucht also Gespräche um sich herum, die mit seiner Wahrnehmung und seinen Interessen zu tun haben?
Ja, denn sonst schafft es den Schritt nicht, sich in die Gesprächspartner hineinzudenken - und das ist wichtig für den Spracherwerb.
Wie erkennt ein kleines Kind denn den Unterschied zwischen einer Äußerung wie »Hund« und einer wie »ähem«?
Gute Frage. Dass das Kind den Unterschied begreifen kann, hat mit dem zu tun, was die Kognitionsforschung »Theorie des Geistes« nennt. Das sind unsere intuitiven Annahmen darüber, was unser Gegenüber denkt, fühlt und will. Das Kind fragt sich unbewusst, was ihm die Menschen sagen wollen. Um das herauszufinden, nutzt es alle Reize aus der Umwelt, also zum Beispiel auch die Intonation. Und da fällt »ähem« aus dem normalen Wortfluss heraus, woraus das Kind schließt, dass es eine andere Rolle spielt als »Hund«.
Wie finden Sie als Nichtgenetiker heraus, was in Sachen Sprache genetisch verankert sein könnte?
Nehmen Sie solche Sprachbestandteile, die für die Kommunikation keine Bedeutung haben. Etwa im Englischen das s, das man an walk anhängen muss, wenn man he walks sagt. Dieses Element entstammt nur der Grammatik, es liefert keine Information, die ein Zuhörer zum Verstehen braucht. Man könnte es also auch weglassen. Dennoch lernen englischsprachige Kinder bis zum vierten Lebensjahr, das richtig anzuwenden. Aber Menschen mit genetisch bedingten Sprachdefiziten haben damit große Probleme. Das könnte ein Hinweis sein, dass hier etwas ganz speziell Sprachliches genetisch angestoßen wird.
Überschätzen Eltern den Einfluss, den sie auf die Sprache ihrer Kinder haben?
Ja, denn es ist viel mehr genetisch bedingt, als viele glauben. Aber ich denke auch, dass Eltern die Einflüsse unterschätzen, die von anderen Menschen kommenals ihnen selbst: beispielsweise von Spielkameraden. Wenn Kinder etwa im Alter von vier oder fünf Jahren zu wählen haben zwischen der Art, wie ihre Eltern sprechen, und der ihrer Freunde, dann entscheiden sich die meisten für ihre Freunde. Deswegen eignen sie sich auch viel eher deren Akzent oder Dialekt an. Das hat den Effekt, dass Immigrantenkinder sehr leicht die Sprache in ihrer neuen Heimat lernen, wenn sie viel Kontakt zu einheimischen Kindern haben - auch wenn ihre eigenen Eltern diese sehr schlecht sprechen.
Wenn deutsche Schulkinder Genitiv und Dativ nicht richtig anwenden, ist dann ihr Sprachinstinkt nicht in Ordnung?
Nein, dann machen die Lehrer etwas falsch. Sprachfähigkeit hat immer zunächst mit der gesprochenen Sprache zu tun. So genannte »Grammatikfehler« sind dagegen oft Fehler in der Schriftsprache. Die ist eigentlich nur ein Dialekt, der aber zufällig mehr Prestige genießt als andere Varianten einer Sprache - sie ist deswegen nicht die richtige Sprache an sich.
Offenbar haben Sprachforscher eine andere Auffassung von »grammatisch richtig« als viele Eltern oder Lehrer?
Ja! Uns geht es nicht um »gute Sprache«, sondern um die Sprachfähigkeit. Menschen mit schlechter Schulausbildung sprechen ja trotzdem flüssig ihre Muttersprache. Auch Völker, die nie schreiben, haben in ihrer Umgangssprache trotzdem eine komplexe Grammatik - die sie fließend beherrschen.
Es gibt Computermodelle, die den Spracherwerb von Kindern simulieren: Indem sie statistisch auswerten, wie oft bestimmte Phänomene auftauchen, schließen sie auf die Grammatik einer Sprache. Sie brauchen dabei nichts »Angeborenes«. Eine Herausforderung für Ihre These eines »Sprachinstinkts«?
Nein, denn darin steckt ein logischer Fehler. Ob ein System Sprache lernt, indem es statistisch auswertet, wie oft bestimmte Strukturen vorkommen, oder ob es über bestimmte Strukturen schon vorher Bescheid weiß - das ist total unabhängig von der Frage, ob etwas angeboren ist. Alle diese Modelle haben in Wahrheit sehr viel »Angeborenes« eingebaut: Sie bekommen ja vorher einprogrammiert, auf was sie achten sollen, wenn sie die statistische Auswertung machen - bevor sie etwas zählen können, müssen sie ja wissen, was sie zählen. Es wird hoffnungslos sein, ein solches Modell den gesamten Spracherwerb eines Kindes nachvollziehen zu lassen.
Interview von Annette Leßmöllmann
Steven Pinker ist seit 2002 Professor an der Harvard University. Vorher leitete er das Department for Brain and Cognitive Science am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Auf Deutsch erschienen unter anderem seine Bücher »Der Sprachinstinkt« und »Wörter und Regeln«.
(c) ZeitWissen 01/2006
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